VNW-Tätigkeitsbericht 2018/19
32/55

GASTBEITRAG


Grundrecht auf Wohnen


Wohnraum wird knapper, die Flächenkonkurrenz in den Städten wird größer, Baukosten und Mieten steigen, und die Angst der Mieterinnen und Mieter, das Dach über den Kopf zu verlieren, wird größer. Der Wohnungsmarkt ist angespannt. Auch Kiel macht da keine Ausnahme.

Wohnungsmangel ist der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins aus ihrer Historie nicht fremd. Während des rasanten Wachstums der Stadt von 1865 bis 1920 vervielfachte sich die Bevölkerung, man kam mit dem Bauen kaum hinterher. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Stadt in Trümmern, es war eine Überlebensfrage, schnell meist einfachen, aber bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Nach der Wiedervereinigung gab es noch mal Engpässe, aber bei stagnierender oder abnehmender Bevölkerung wurden nur wenige Wohnungen gebaut. Von 2004 bis 2014 waren die Mieten in Kiel stabil. Das Wohnungsangebot konnte die Nachfrage befriedigen. In den vergangenen fünf Jahren hat sich das schlagartig geändert, und das aus mehreren Gründen: In Wohnungen, in denen früher Eltern mit drei oder vier Kindern wohnten, leben jetzt oft Singles. Unser Wohlstand zeigt sich auch an der immer größeren Wohnfläche, die uns durchschnittlich zur Verfügung steht; Rekordzahlen bei den Studierenden, in Kiel Schutz suchende Flüchtlinge und die gestiegene Attraktivität Kiels machen es schwerer, preiswerten Wohnraum zu finden. Und noch schlimmer: Nicht nur Mieten steigen, sondern auch die Zahl der Wohnungslosen. 

Politische Versäumnisse kommen hinzu: Kiel hat im Vergleich zu anderen Universitätsstädten viel zu wenig Wohnheime für Studierende; tausende Sozialwohnungen fielen in den letzten Jahren aus der Sozialbindung, der Bau neuer Sozialwohnungen wurde lange vernachlässigt, ja, Kiel verkaufte vor 15 Jahren sogar seine Wohnungsbaugesellschaft, die KWG.

Die Stadt Kiel tut, was sie kann: Mehr als 4000 Baugenehmigungen wurden erteilt, Per­sonal wurde aufgestockt, eine Kehrtwende eingeleitet: Die Stadt baut wieder selber Wohnungen und gründet die KiWoG, die Kieler Wohnungsbaugesellschaft. Der Woh­nungs­markt und die Entwicklung der Stadtteile dürfen nicht sich selbst oder dem zufälligen Interesse von Investoren überlassen werden. Wir haben Bebauungspläne für Tausende neue Wohnungen in Arbeit, im Kieler Süden, auf dem MFG-5-Gelände in Holtenau oder um die Kieler Hörn herum entstehen jetzt und in den kommenden Jahren viele weitere Wohnungen. Innenhöfe, Dachgeschosse, alte Gewerbebauten: Mitten in der Stadt schlummert ebenfalls noch viel Potenzial.

Um allerdings der sozialen Wohnungsfrage unserer Zeit adäquat begegnen zu können, brauchen wir starke Partner. Dazu gehören Bund & Land, die noch viel mehr Geld für sozialen Wohnungsbau bereitstellen, das Baurecht entrümpeln und Mietenexplosionen rechtlich eindämmen müssen. Um bauen zu können, benötigen wir auch eine starke und kreative Förderbank. Und wir brauchen Verbände wie den Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen. Wer in der Wohnung einer Genossenschaft oder eines öffentlichen Wohnungsunternehmens lebt, ist geschützt vor Eigenbedarfskündigungen, vor Mietwucher und vielem mehr. Angesichts der vielen Veränderungen in unserer Gesellschaft ist das ein schweres Pfund.

Kiel braucht vor allem lokal orientierte und langfristig verlässliche Partner. Viele der internationalen Immobilienunternehmen haben ein vergleichsweise geringes In­ter­esse an einer nachhaltigen Entwicklung und Verbesserung ihres Bestandes, ihre Verankerung in und die Verantwortung für Kiel ist gering. Deshalb haben wir uns entschieden, wieder eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft zu gründen. Und wir müssen gleichzeitig umso mehr die regionalen Bestandshalter (Genossenschaften, Wohnungsunternehmen sowie private Eigentümer und Vermieter) stärken, um über eine Qualitätskonkurrenz auch Kapitalinvestoren dazu zu bringen, ihre Bestände zu pflegen und nutzer- und zukunftsgerecht instand zu halten und zu modernisieren. 

Zunehmend wichtig für die Gestaltung der Wohnungsbaupolitik einer Stadt sind Fragen wie jene nach der Energieversorgung, der Nachhaltigkeit und der Gestaltung der sogenannten 2. Miete. Ein attraktiver Standort für bezahlbares Wohnen wird zukünftig noch mehr als bisher mit bezahlbaren Energiekosten und der Nutzung effizienter/regenerativer Energie zu tun haben. Insoweit ist unsere städtische Klima- und Energiepolitik auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Auch diese Herausforderungen beim Wohnungsbau in Kiel werden wir zunehmend meistern müssen, und auch dafür brauchen wir die Mitwirkung aller Partner.

Dr. Ulf Kämpfer
Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Kiel


Dr. Ulf Kämpfer (SPD) ist seit dem 24. April 2014 Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Kiel. Der gebürtige Eutiner (16. Juni 1972) hat Rechtswissenschaften in Göttingen und Galway/Irland studiert und 2003 an der Humboldt-Universität in Berlin promoviert. Knapp fünf Jahre lang war er als Familienrichter sowie Mediator am Amtsgericht Kiel tätig, anschließend als Staatssekretär und Amtschef des Ministeriums für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein. Ulf Kämpfer ist verheiratet und Vater eines Sohnes.